Unendliche Weiten Kalifornien

Kalifornien IV: Schildkröten-Urin (LV, Antilope & Bryce Canyon, Monument Valley & Joshua Tree)

Auf der Straße in Las Vegas drückt uns eine zahnlose Oma Bilder von Prostituierten in die Hand. Vor einem Casino steht ein älterer Herr, in seinen Armen hält er zwei dralle Blondinen. Sie haben Klebeband auf ihren Brustswarzen und lassen sich für ein paar Dollar mit ihm fotografieren.

Im Minutentakt schreit ein Mann irgend etwas, zeigt in den Himmel und kreist seine Hüfte. Wäre er in einer Disko, hätte Zähne und würde sich nicht auf einen Rollator stützen, so würde es nicht auffallen. Aber so.

In einem anderen Casino sitzen nur feine Herren, die Mindesteinsätze beim Roulette sind höher, wie hoch weiß ich nicht mehr. Und die Frauen haben Silikonbrüste, alle. Ich formuliere eine These: Je nobler das Kasino, desto silikoner die Damen. Irgendwo wird eine M&M´s Jacke für 3000 Dollar verkauft.

An der Bushaltestation sitzt eine Frau und sortiert ihren Rucksack. Haarschaum rein, Bürste raus, Portemonnaie rein. Sie macht den Rucksack zu, überlegt es sich anders und fängt wieder von vorne an. Irgendwann kommt der Bus und wir fahren nach Hause.

Körperklaus

Wir übernachten in einem Apartment, das wir über Airbnb gebucht haben. Die Gegend ist heruntergekommen und wir haben Angst. Der Zaun um das Gelände trägt auch nicht gerade zu einem erhöhten Sicherheitsgefühl bei. Denn wenn es sicher ist, wozu brauchen wir dann diesen Zaun?

Am nächsten Morgen wachen wir auf und stellen begeistert fest, dass wir noch leben. Wir gehen auf den Strip und gucken uns den Brunnen vor dem Bellagio an, wo es eine Wasser- und Lichtshow zur Musik von Pink Panther gibt. Ein Mann mit einer Stereo-Anlage läuft an uns vorbei. Sie ist voll aufgedreht und er grölt mit.

Vor einem Eingang springt ein junger Mann hoch und versucht mit seinen Fingerspitzen die Decke zu berühren. Wir beobachten ihn etwa zehn Minuten und gehen weiter. Auf dem Gehsteig liegen junge Menschen in ihrem Erbrochenen. Ich denke an die Körperklaus-Definition auf Stupedia.

Und dann kommt mein Lieblingstyp. Sonnenbrille im Haar, mit Polohemd von Ralf Lauren und iPhone am Ohr – so, als würde er gerade vom Golf kommen. Und er sagt: Ich habe Hunger, hast du mal einen Euro. Sorry, antworte ich. Gott segne dich, ruft er mir hinterher.

Wir kommen zur Little White Chapel. Ein Basic Paket für die Hochzeit kostet 300 Dollar. Fotos, eine Fahrt in einem Cadilac und so weiter. Es gibt auch eine Drive-Through-Hochzeit ab 99 Dollar.

Endlich spielen wir. Natürlich oder leider mit kleinen Einsätzen. Neben uns sitzt eine ältere Dame aus Großbritanien, die sich darüber wundert, warum ihr Geldberg wächst und wächst. Ich habe eine Taktik entwickelt. Ich habe es durchgerechnet und es funktioniert.

Damit bin ich wahrscheinlich der 1.000-ste, der das heute denkt. Eine Frau im kurzen Minirock, mit Silikonbrüsten und übertriebener Schminke kommt an unseren Tisch und wettet auf die Zehn. Ich folge weiter meinem Plan und es läuft. Sie spricht einen Mann an. Der Croupier sagt ihr, dass sie seine Gäste nicht ansprechen soll. Sie geht.

Ich denke übers Roulette nach: Wenn dir jemand für 38 Dollar 36 Dollar verkauft, würdest du das machen? Und, sobald man ein oder zwei Runden beim Roulette zuguckt, sieht man, dass es sich nicht lohnt. Denn in der Regel sieht es ja so aus: Die Bank kassiert mit jeder Runde sagen wir 1.400 Dollar und einer gewinnt 300 Dollar.

2200 Kilometer in 3 Tagen

Die nächsten Stationen sind Antilope Canyon, Bryce Canyon und Monument Valley. Wir haben diese drei Punkte nachträglich in die Tour aufgenommen, als schon alle Unterkünfte gebucht waren. Insgesamt 2200 Kilometer in drei Tagen.

Plötzlich stehen wir vor einem Nationalpark: Zion. Ich habe davon gelesen, aber mir war nicht klar, dass wir ihn sehen werden. Und wieder überall Berge, Felsen und Landschaften in roten und gelben Farben. Wir haben keine Zeit und fahren schnell durch. Schade eigentlich, denn hier hätte ich gerne ein wenig Zeit verbracht.

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Zion National Park

Auf dem Weg machen wir einen Abstecher zum Bryce Canyon. Mitten in der Landschaft steht ein Gebirge dessen Innenraum aus rot-weißen Felspyramiden besteht. Dort ist es eisig kalt. Ich mache ein paar Fotos und ein Japaner sagt, dass ich aufpassen soll, damit ich beim Fotografieren nicht in die Tiefe stürze.

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Bryce Canyon

„Schicken Sie mir den Sicherheitscode Ihrer Kreditkarte“

Für das Antilope Canyon mussten wir online ein Ticket buchen. Wir haben wenig Zeit und fahren früh los, damit wir pünktlich kommen. Antilope Canyon liegt in Utah, also in einer anderen Zeitzone. Den Besuch der Höhle, in der das Start-Bild für den Apple gemacht wurde, haben wir früh gebucht.

Leider haben wir die Sunbeam-Tour nicht bekommen, bei der mittags Sonnenstrahlen in die Höhle dringen und die Aborigines von oben Sandstaub hineinwerfen, damit die Sonnenstrahlen besser zur Geltung kommen. Ein Anbieter wollte, dass wir ihm unsere Kreditkartendetails inklusive des Sicherheitscodes schicken, damit er einen Platz für uns reservieren kann. Haben wir nicht gemacht.

Auf jeden Fall kommen wir zu früh zum Büro der Aborigines. Zehn Leute erklären uns, dass wir auf jeden Fall auf unsere spätere Tour warten müssen. Kurz bevor die nächste Tour losfährt, sagt uns einer, dass wir doch früher mitfahren können. Er zeigt auf einen vollen Transporter mit Sitzen hinten. Eigentlich ist er voll. Er schiebt mich auf der einen und Silvia auf der anderen Seite rein. Wir fahren durch die Stadt Page und biegen in einen Wüstenabschnitt ab. Der Fahrer ballert durch das Gelände und wir fliegen auf unseren Sitzen auf und ab. Die Asiatinnen mit ihrem Mundschutz schreien vor Panik und ich habe Mega-Spaß.

In der Höhle führt uns der Aborigine und erklärt, von wo man am besten Fotos machen kann. Wenn du deine Kamera hier hinhältst, dann sieht es aus wie ein Bär, wie eine Schlange, wie das Gesicht von Abraham Lincoln und so weiter. Aber eigentlich bringt es nichts, weil es viel zu dunkel ist und man nicht mit Blitz fotografieren darf.

Antelope Canyon

Wir fahren weiter Richtung Monument Valley. Wir schlafen im Auto kurz davor, damit wir am Morgen direkt dort sind, wenn es nicht so voll ist und damit wir pünktlich zum Grand Canyon kommen. Das Monument Valley versetzt mich in meine Jugend zurück, als ich Cowboy-Filme geguckt habe.

Antelope Canyon
Monument Valley

Danach Grand Canyon, ist ja klar, den guckt sich jeder an. Und deshalb auch wir. Die Größe ist schier unbegreiflich, aber das hat man ja auch schon tausend Mal gehört. Wie im Bryce Canyon und im Zion National Park hätte ich hier gerne ein wenig mehr Zeit verbracht. So, dass man mal in den Canyon hinuntersteigen und ihn aus einer anderen Perspektive betrachten kann.

Antelope Canyon
Grand Canyon

Schildkröten-Urin

Von dort geht es in die Mojave-Wüste. Auf dem Weg liest Silvia über die Gegend. Dort soll es viele Schildkröten geben. Man muss nach dem Parken aufpassen, weil sie sich gerne in den Schatten unter Autos legen. Wenn man eine sieht, dann muss man einen Parkranger rufen.

Man darf sie auf keinen Fall unter dem Auto hervorholen oder von der Straße an den Rand setzen, denn dann urinieren sie vor Angst. Und wenn sie urinieren, scheiden sie ihren Wasservorrat aus und sterben, denn Regen gibt es selten.

Wir kommen am späten Nachmittag an, bald wird es dunkel. Ich steige mit meiner Kamera aus dem Auto, um in die Wüste zu laufen und dort ein paar Fotos zu machen. Silvia kommt mit. Aber sie malt ein Herz in den Sand und schreibt USA 2016 rein. Mir dauert das alles zu lange und ich gehe schon mal vor, damit ich noch Fotos machen kann, bevor es dunkel wird. Ich dachte, dass ich nur wenige Minuten brauche, um auf die hohen Dünen zu kommen.

Aber es dauert länger. Als ich ankomme, fängt es an zu dämmern. Ich gucke mich um, ziehe zwischen einer Bergspitze und einer kleinen Stadt eine Gerade und denke mir, dass ich beim Mondschein einfach der Linie folge. Ich mache meine Fotos, wechsle Objektive und so weiter. Dabei merke ich, dass ich den Schlüssel für unser Auto habe. Ich bin nicht nur einfach weggegangen, Silvia kann auch nicht ins Auto.

Ich lege mir eine Rechtfertigung zurecht: Ich hätte auf sie warten können. Dann hätte ich keine Fotos gemacht und mir dafür einen Anschiss erspart, der zwischen ein paar Minuten und einem ganzen Abend gehen kann. Wenn ich aber ein paar Fotos mache, dann kann ich sie ein Leben lang an meine Wand hängen, und muss dafür nur so Sachen sagen wie Es tut mir leid, mein Fehler und ja, das war wirklich falsch, das hätte ich echt nicht machen sollen. Ein kleiner Preis für Schönheit.

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Formen und Farben in der Wüste

Als es dunkel wird, bin ich fertig und gehe zurück. Jetzt habe ich doch Schiss und aus meinem Gehen wird ein Rennen. Aber ohne Wasser und im weichen Sand und mit einem Stativ und einer 6-Kilo-Kamera bin ich direkt kaputt. In einer Düne sehe ich ein Pärchen, die ihr Zelt aufbauen. Ich denke, dass wir das auch hätten machen sollen.

Ich gehe weiter. Es ist jetzt richtig dunkel. Ich erkenne die Lichter der Stadt und die Bergspitze und folge meinem Plan. In der Ferne sehe ich ein Licht aufblitzen. Ich gehe weiter. Ich höre Rufe. Es ist Silvia, die Angst um mich hat, und mit ihrem Handy Fotos mit Blitz macht.

Vom Propheten Joshua

Highway 66. Den Abschnitt zum Joshua Tree Park, da ist nichts. Manchmal sind Briefkästen am Straßenrand, aber Häuser sieht man weit und breit nicht. Nach einer Stunde kommt ein Bibliothek. Wir fragen uns, wer sich hier Bücher ausleiht, aber egal.

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Die freundlichen Felsen im Joshua Tree Park

Joshua Tree Park. Der Akku meiner Kamera ist leer. Ich kann sie nicht fotografieren, die Joshua Trees, die ihren Namen vom Propheten Joshua haben, weil ihre Äste in den Himmel zeigen wie die Arme des Propheten beim Beten. Wir überfahren aus Versehen eine Klapperschlange. Es gibt Kakteen mit Widerhaken, man darf sie nicht berühren. Auf keinen Fall. Ich rede mit Silvia, gucke nach hinten und laufe in einen Kaktus rein. Aber nichts passiert. Und überall sind diese freundlichen Steine. Sie haben abgerundete Ecken und Kanten, so dass man sich nicht wehtun kann.

Trump kann nicht Präsident werden

San Diego. Ein schwarzes Pärchen aus New York vermietet uns ein Zimmer. Sie gucken das TV-Duell Clinton gegen Trump. Trump wirkt aggressiv, erklären sie, aber er ist ein normaler New Yorker, da gucken alle so. Und Trump hat keine Chance, weil man ohne Minderheiten nicht gewinnen kann. Und die Minderheiten sind gegen ihn.

Sie wohnen in einem Wohnblock. In der Mitte gibt es einen Schwimmbereich. Es gibt Räume mit Billardtischen und Flachbildschirmen und es gibt einen kleinen Konferenzraum. Wir liegen stundenlang im Whirlpool, bis unsere Finger aussehen wie der Zabriskie Point im Death Valley.

Zurück in LA

Wir sind zurück in Los Angeles und total kaputt. Die Fahrerei der letzten Tage war zermürbend. Wir haben keine Kraft mehr, ein Programm auszuarbeiten und uns viel anzugucken. Wir cruisen einfach durch die Gegend, zum Hollywood Boulevard, zum Mulholland Drive. Machen Fotos an den Sternen, ein Selfie vor dem Hollywood-Schriftzug und Fotos unter dem Straßenschild vom Rodeo Drive, was man halt so macht.

Wir fahren noch mal nach Santa Monica, wo ich mich am Strand in einem Handtuch einwickle und schlafe. An einer der Stellen sehen wir einen Mann, der die Tür seines Autos zutritt. Es sieht so aus, wie wenn ein Polizist in einem Film eine Tür eintritt. Also mit voll Power.

Eigentlich müssen wir unser Auto zurückbringen. Aber wir rufen aus einer Enterprise-Filiale unsere Vermietung an und verlängern um zwei Tage. Wir cruisen durch Bel Air und Beverly Hills und fragen uns, welche Stars in den Anwesen wohnen.

Ein Schaden am Auto

Uns fällt auf, dass wir noch keine Karten geschrieben haben. Wir sehen eine Frau von der Post und Silvia fragt sie, wie viel es kostet, eine Karte nach Europa zu schicken. Sie fragt, ob Europa in Kalifornien liegt. Nein. Ist wohl sehr weit weg. Ja. Dann ist es teuer. Wir fahren zu einem Supermarkt. Ich parke ein und höre ein lautes Knacken, das war das Rücklicht. Wir sind angespannt, ob das die Versicherung bezahlt, wir haben diese ja nicht über die Autovermietung abgeschlossen.

Wir hätten nicht verlängern sollen, das war ein Fehler, sagt Silvia. Ich sehe es so, dass man es nicht wissen konnte und dass es genau so gut schon früher hätte passieren können, aber zufällig jetzt passiert ist. Im Grunde ist es egal, weil wir eh nichts machen können. Aber auf jeden Fall ist das Stress.

Irgendwo in einem anderen Stadtteil holen wir uns was zu essen und suchen auf der Karte, wo wir sind. Ein Obdachloser schläft und hat sich mit einem Fahrrad zugedeckt. Ein schwarzer Riese mit goldenen Zähnen kommt auf uns zu. Er sieht aus, wie aus einem Gangster-Film und wir zittern innerlich. Brauchen Sie Hilfe, fragt er und zeigt auf der Karte, wo wir sind. Wir fahren zu einer Tankstelle. Ich gehe zum Tankwart. Der steht vor seinem Häuschen und raucht. One second, sagt er und schnippt seine Kippe auf die Tankstelle.

Wir bringen das Auto zu Enterprise. Es ist elf Uhr und sie hat schon ein Dutzend weitere Autos mit diesem Schaden zurückbekommen. Sie machen ein paar Fotos und eine Beschreibung des Schadens.

Im Flieger schlafen wir nicht. Dafür von 9 bis 17 Uhr in Deutschland. Das war ungeschickt und so haben wir eine Woche Jetlag.

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