Death Valley

Kalifornien III: „THERE IS HOPE“ (SF, Yosemite, Bodie, Death Valley, LV)

An ihren Pfeilern sind Schilder befestigt, die Menschen davon abhalten sollen zu springen. Menschen schnell zu fassen und festzuhalten, darf man gar nicht erst versuchen. Dann springen sie vor Schreck. Man muss Abstand halten und fragen, ob man nähertreten darf. Auf Warum-Fragen sollte man verzichten, das stößt nur Schuld-Gedanken an. Und nicht unterbrechen, wenn sie reden. Man muss nur zeigen, dass man zuhört. Nicken und ja und mh sagen. Das habe ich in einem Artikel von Vice gelesen, in dem ein Polizisten über seine Arbeit an der Golden Gate Bridge berichtet.

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Warnschild an der Golden Gate Bridge

Einer gab ihm nach einem langen Gespräch die Hand, sagte Kevin, I have to go und sprang. Früher hätte er sich um die Bergung der Leiche kümmern und mit der Familie reden müssen. Heute machen das andere Leute. Der, der den Selbstmord nicht verhindern konnte, macht sich eh schon große Vorwürfe und denkt, dass er eine Mitschuld trägt.

Yosemite

Es geht weiter zum Yosemite Nationalpark. Unterwegs fahren wir durch Gold Country. Hier waren die Goldgräber, schon wieder Gold. Die Dinger, aus denen das Sakko vom Mann mit dem FuckTrump-T-Shirt sind, heißen Pailletten, jetzt ist es mir doch noch eingefallen. Überall sind Felder, deren Gräser golden leuchten und sich so weit verteilen, wie das Auge reicht. (Ist das überhaupt Gold Country.)

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Goldenes Gras unendlich weit

Der Nationalpark Yosemite gehörte zu den Highlights im Lonely Planet, er wurde sogar als der Höhepunkt einer jeden Reise angepriesen. Freunde waren da, meinten aber, dass es ihnen zu sehr den Alpen ähnelt. Und es gibt hier Bären, man darf deshalb in der Nacht kein Essen draußen oder im Auto liegen lassen. Nicht einmal Cola-Dosen, die erkennen alles. Die Sachen kommen in einen Metallkasten, der jedem Camper zur Verfügung stehen. Wir sind also gespannt. Wir fahren hinein und sehen schwarze Bäume ohne Blätter, die in saftigem Gras stehen.

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Schwarze Bäume im Yosemite National Park

Wir fahren weiter. Überall liegen dicke Fels-Klumpen rum. Ich frage mich, wie sie dort hinkommen konnten.

Auf dem Campingplatz bauen wir unser Zelt auf. Wenn man ganz früh bucht, dann kann man eine Lizenz zum Campen im Freien bekommen. Dann kann man durch den Nationalpark wandern und überall sein Zelt aufschlagen. Das würde ich gerne mal machen.

Marschmallows und Sterne

Silvia ist müde, aber ich zwinge sie, mit mir zu dem Vortrag eines Rangers zu mitzukommen. Wir sind einmal im Leben hier, schlafen kannst du auch in Deutschland. Wir gehen also zum Lagerfeuer und setzen uns auf eine der Bank.
Der Ranger hat einen langen Bart und lange Haare. Zum Thema Lagerfeuer und Wohnzimmer assoziiert er frei vor sich hin. Am Lagerfeuer traf sich früher die Familie, um Neuigkeiten auszutauschen und um sich Geschichten zu erzählen. Das Fernseh-Gerät ist ein modernes Lagerfeuer. Dass er dort steht, wo früher das Feuer war, kann doch kein Zufall sein, und er zitiert auch noch einen Wissenschaftler. Er singt ein Lied über geröstete Marschmallows, bei dem jede Zeile mit done endet, was schön ist, wie er sagt. Wir stimmen mit einem Lachen zu und singen mit. Er fordert uns auf, dass wir unsere Gedanken äußern sollen. Irgendwer stellte eine Frage und dann diskutierten alle über Käfer und, ob man in die Natur eingreifen darf oder nicht. Die Stunde ist vorbei.

Ich zwinge Silvia noch zu einem Talk über Sterne zu gehen. Am Feuer erklärt uns der Ranger den Weg durch die Dunkelheit. Hinter der Brücke geradeaus, an der nächsten Abzweigung auf den Parkplatz. Wir gehen und Silvia hat Angst, dass ein Bär kommt. Und weil wir ganz allein durch die Dunkelheit gehen und wir sehen, wie andere Leute abbiegen oder andere Wege wählen, will Silvia nicht mehr. Wenn da keiner langgeht, dann ist das dort nicht, Herdentrieb. Ich: Aber der Ranger hat gesagt, dass wir an der Brücke so und so gehen und an dem Parkplatz so und so, auch wenn es nicht mit unserer Intuition übereinstimmt. Auf jeden Fall kommen nur vier Leute an. Der Ranger führt uns über einen Trampelpfad in den Wald bis zu einer riesigen Felsplatte. Um Sterne zu beobachten, wäre es besser, wenn kein Mond da wäre. Aber wir machen es dann so.

Mit seinem Laserpointer zeigt er in den Himmel. Er darf es nicht wegen Flugzeugen, aber das ignorieren wir heute ausnahmsweise. Ich bin überrascht, wie weit das kleine Gerät in den Himmel reicht. Er erzählt, dass er die Sterne liebt und schon lange darüber liest. Das ist der Polarstern. Das ist der Große Wagen. Der Stern ist so und so weit weg, das ist so und so viele Male um die Erde. Wenn man diesen beiden Sternen vom Großen Wagen folgt, kommt man zu diesem und jenen Stern. Jeder Stern gehört zu einer Konstellation. Und so weiter.

Ich würde so gerne eine Sage erzählen: Für Zeus, Hermes und Poseidon grillt Hyrieus von Tanagra sein letztes Tier, einen Bullen. Sie sagen, er hat einen Wunsch frei und er wünscht sich einen Sohn. Die Götter urinieren oder ejakulieren in das Fell des Bullen und sagen Hyrieus, dass er es vergraben soll. Hyrieus macht es, gräbt es nach 10 Monaten aus und hat einen Sohn: Orion, der nach seinem Tod in den Himmel gehoben wurde.

Dann liest der Ranger sein Lieblingsgedicht vor, dass nichts mit Sternen zu tun hat. Es steht lose im Zusammenhang mit irgendetwas Unspezifischem und erinnert ihn an ein Gefühl seiner Jugend, das er nicht so richtig in Worte fassen kann.

Wir liegen im Zelt, versuchen zu schlafen und verstehen, was es bedeutet, dass es mehrere Klimazonen in Kalifornien gibt: In Los Angeles war es super heiß, hier auf dem Berg ist es kalt und wir frieren.

Die Route

Wir verlassen den Campingplatz. Ein kleines blaues Walmart-Iglu reiht sich an das nächste. Machen die alle auch den Roundtrip, den wir machen, fragen wir uns. Vielleicht schon. Denn alle, mit denen ich davor und danach über unsere Route gesprochen habe, sind eine ähnliche Strecke gefahren. Es ist nicht so, dass der eine es dem anderen nachmacht. Die Route zwingt sich einfach auf, wenn man sich die Sachen raussucht, die man besuchen will. Der einzige Unterschied ist, ob man im oder gegen den Uhrzeigersinn fährt.
(Googlemaps kann man übrigens Stationen eingeben…)

Wir gucken uns Mammut-Bäume an. Ihre Zapfen sind so groß wie mein Kopf. Danach
fahren wir über den Pass. Überall sind Mustangs Cabrio, Pärchen stehen am Berg und machen Selfies vor ihren Mustangs. Wir wandern Richtung Inspiration Point, was schön ist, aber wir kommen nicht an, weil uns der Weg zu weit ist.

Wir fahren zum Mono Lake. Wegen der Brände kann man nur eine Ecke vom See angucken, der Rest ist in Rauch gehüllt. Wir gucken uns Dinge an statt sie zu besichtigen, da das Besichtigen Schulklassen und Lehrereltern vorbehalten ist. Wikipedia zufolge handelt es sich um einen Natronsee, er ist also sowohl besonders alkalisch als auch besonders salzhaltig, es gibt rhyolithische Lavadome. Das Becken entstand vor rund drei Millionen Jahren, der See gehört mit einem Alter von mindestens 760.000 Jahren zu den ältesten Seen Nordamerikas. Whatever, es geht doch hier um Gefühle: Es stinkt nach totem Fisch, wie ein Mann neben mir es formuliert. Der Boden fühlt sich an, als würde man über eine Matratze laufen, die Schuhe sacken ein. Dieses Wasser ist spiegelglatt und weiße Felsen wachsen heraus, wie aus einer anderen Galaxie.

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Mono Lake

Im Wilden Westen

Wir fahren nach Bodie, eine der am besten erhaltenen Goldgräber-Städte. Der Text aus dem Lonely Planet klingt vielversprechend. Über einen Schotterweg fahren wir dort hin. Er fühlt sich an, als würde man über aneinandergereihte Bremshügel fahren. Meine Alarmglocken klingen. Wenn hier etwas passiert, dann zahlt die Versicherung nicht.

Zwischen goldenen Gräsern steht die Geisterstadt. Die Häuser sind aus Holz. In manche kann man hineingehen, in anderen nicht. Sie knirschen und man hat Angst, dass sie zusammenstürzen. Man kann nicht weit gucken, weil der Rauch von den Waldbränden hier hin weht. Auf den Pfaden stehen Autos, die vor sich hin rosten. Oben gibt es eine Mine, aber die darf man nicht betreten.

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Eine Kirche in Bodie

Jetzt kommt eine Mammutstrecke, 5 bis 6 Stunden bis ins Death Valley. Die Straße ist frei und Silvia fährt. Oh, dahinten kommt eine Ampel, willst du übernehmen, fragt sie. Ich mache ein Video von ihr beim Fahren, das sie ihrer Familie schicken kann. In der Slowakei sagt man, dass jemand an der Straße leckt, wenn er mit seiner Nase beim Fahren fast die Scheibe berührt.

Wo auch immer wir hingucken, sehen wir Gras und Gebirgsketten. Das ist die Weite, von der immer alle sprechen. Irgendwann nähern wir uns einem Lastwagen. Sie fragt mich, ob wir kurz auf einen Parkplatz fahren können. Dann können wir die Plätze tauschen und ich kann ihn überholen. Am Ende macht sie es selbst.

Natur, deren Schönheit überfordert

Als wir ins Death Valley hineinfahren, ist es bereits dunkel. Um 1 Uhr nachts kommen wir an. Der Campingplatz ist eigentlich ein Parkplatz, der mit Steinen in verschiedene Bereiche aufgeteilt wurde. Auf den Tischen und Bänken liegen Menschen. Viele versuchen auf dem Fahrersitz zu schlafen. Ihre Beine gucken aus den Fenstern. Aber die Leute drehen und wenden sich. Es ist einfach zu heiß. Das findet Silvia gut. Sie will eh im Auto bleiben wegen der Schlangen und Skorpione.

Um fünf Uhr stehen wir auf. Das machen die meisten so. Erstens, weil man wegen der Hitze versuchen muss, alles bis zum frühen Nachmittag gesehen zu haben. Zweitens, weil es dringend empfohlen wird, sich den Sonnenaufgang am Zabriskie Point anzuschauen. Das Licht der aufgehenden Sonne taucht die Felsformation in verschiedene Farben. Der Philosoph Michel Foucault soll hier den besten Acid-Trip seines Lebens gehabt haben.

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Zabriskie Point II

Die nächste Station ist Badwater, das ist der Punkt über den wir in der Schule immer geredet haben. Der tiefste Punkt von Irgendwas: USA, amerikanischer Kontinent, westliche Hemisphäre oder so. Auf unserer Haut bilden sich Schweißtropfen. Selbst bei Silvia, die eigentlich nie schwitzt. Wir gehen auf den Teppich aus Salz. Schnell das obligatorische Foto an dem Schild gemacht, ein Stück Salz aus dem Boden gebrochen und zurück ins Auto zum Trinken. Wir haben pro Person etwa 7 Liter Wasser mit. Reiseführern und Websites zufolge soll man mindestens 5 Liter für jeden dabei haben. Und die braucht man auch. Es herrschen dort fast 50 Grad und man kann sich kaum bewegen. Nach jedem Schritt bräuchte man erst mal eine Woche Urlaub. So muss es sich anfühlen, wenn man alt ist.

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Zabriskie Point II

Unser Highlight: Artist’s Drive. Eine enge Straße führt durch Hügel und Berge. Zum Teil darf nur 10 Meilen pro Stunde fahren. Die Felsen haben alle Farben, ein Punkt heißt Artist’s Palette. Überall ragen Ecken, Zacken und Felsbrocken aus dem Gestein. Ich frage mich, wie sie da hinkommen konnten? Eigentlich verstößt ihre Position gegen gewisse Gesetze der Schwerkraft und Erosion. Und warum liegen sie genau hier und nicht einen Meter weiter. Ja, ich habe schon verstanden, dass das Vulkangestein ist, dass bei Vulkanausbrüchen Felsbrocken durch die Gegend fliegen und dass diese sich deshalb an den seltsamsten Stellen befinden. Aber dennoch, ein Gefühl, als wäre man auf einem anderen Planeten.

Es ist vier Uhr, eigentlich sollten wir schon längst weg sein wegen der Hitze. Aber wir kramen ein altbekanntes Argument raus. Wir sind vielleicht nur einmal im Leben und deshalb wollen wir alles mitnehmen. Wir gucken uns noch ein paar andere Sachen an und fahren dann nach Las Vegas.

Im Hintergrund löst wieder die erste Bergkette die nächste ab. Es gibt Blumen in allen Farben. Es gibt Berge in allen Farben. Ich bekomme das Gefühl, dass der liebe Gott bei der Erschaffung Kaliforniens systematisch durchkombiniert hat. Rote Erde, gelbe Pflanzen. Grüne Erde, gelbe Pflanzen. Schwarze Erde, gelbe Pflanzen und so weiter.

Las Vegas, Baby!

Wir machen einen Abstecher nach Nevada, Utah und Arizona. In Las Vegas fahren wir zu unserem Airbnb. Sie befindet sich in einem umzäunten Bereich. Eigentlich sollte sich das sicher anfühlen. Da aber unsere Nachbarn nicht gerade vertrauenserregend aussehen, überlegen wir, ob wir unsere Wertsachen dort liegen lassen können.

Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Bus zum Strip. Der Fahrer hat eine Platte, lange Haare und hinten einen Zopf. Er sieht aus, wie ein Rocker und erklärt uns unaufgefordert, wie man wohin kommt und wo wir aussteigen müssen. Es erinnert mich an einen Witz von Johann König, der ungefähr so geht: Ich war in Berlin und habe Leute gefragt, ob sie wissen, wo die Heinrich-Straße ist. Wenn sie es nicht wussten, habe ich meinen Stadtplan rausgenommen und es ihnen erklärt.

Wir steigen aus dem Bus. Aus Boxen, die in oder an Laternen befestigt sind, kommt Musik. Es ist warm, ich fühle mich gut, so als könnte ich heute richtig viel gewinnen.

Wir kommen zum Venetian Resort Hotel. Die Decken sind als Himmel bemalt und beleuchtet. Man sagt uns, dass sie rund um die Uhr an sind, damit man nicht merkt, wenn es Nacht wird und immer weiterspielt. Auf den nachgebauten Wasserstraßen fahren Gondeln, es gibt Eis und Restaurants. Wenn man gegen die Säulen klopft, klingen sie wie Pappmarsche. In den Gondeln singen Männer Schnulzen. Wir waren schon in Venedig und ich finde es anmaßend. Draußen ist dann noch der Markusdom. Am Geländer eines Säulengangs stehen zwei buddhistische Mönche in ihren orangenen Tuniken (den Plural musste ich nachgooglen) und machen mit ihren Smartphones Fotos. Ich frage mich, ob sie auch hier sind, um ein bisschen zu zocken.

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